Der geneigte Leser sollte wissen: ich bin eine ewige Studentin. Vor Jahren habe ich an anderer Stelle unter anderem Namen einen ähnlichen Blog geführt: damals saß ich in der französischen Nationalbibliothek in Paris und litt unter diversen schrägen Kreaturen, die sich lautstark an ihren Köpfen und anderen Körperteilen kratzten, räusperten, schnieften, schnarchten, schmatzen und sonstige mehr oder weniger gustiöse Geräusche von sich gaben, die von der absoluten Stille in den heiligen Hallen erbarmungslos verstärkt wurden.
Damals studierte ich die Geisteswissenschaften.
Heute ist es die Technik.
Ich sitze nun gerade in einer Bibliothek, mir gegenüber ein Nerd der Spitzenklasse A (es gab von seiner Seite bereits einige Annäherungsversuche, der spannendste davon war definitiv in Form eines Monologs seinerseits über den Kauf eines Paars schwarzer Socken) und atmet. Atmet laut. Schnauft wie eine Dampflock... und nichts anderes hat mehr Platz in meinem Hirn als diese ohrenbetäubende Bewegung von Luftmassen.
strangebluefire - 10. Jan, 11:24
Setting: Weihnacht 0:25, ein Szenelokal in einer mitteleuropäischen Stadt. Motto "Club der einsamen Herzen" oder so.
Spontaner Entschluss mich mit A. zu treffen (der mir recht taugt) und fühle mich ein bisschen fehl am Platz, weil mehr vorfreudig erregt als deprimiert-lonely.
Im nächsten Moment wäre mir Einsamkeit dann sogar lieber: weil sich mir nämlich ein Kerl (undefinierbaren Alters in Anorak und rot bemützt) nähert und das Gespräch wie folgt eröffnet:
er fragt (eh ganz anständig), ob er sich wohl zu mir gesellen dürfe: er sei nämlich soeben angebraten worden, so richtig, mit Körperkontakt, ganz anders sei ihm da geworden und nun suche er Schutz an meiner Seite.
Ich denke mir: come on, be nice, warum eigentlich nicht, es ist ja Weihnachten, immer offen bleiben für die Welt und sage: Klar, aber nur, wenn er verspricht, dass er mich dafür nicht anbrät.
Der Mützenmann geht auf meine Bedingung ein und beginnt mich zu fragen, was ich so mache. Ich lasse ihn raten, er kommt natürlich nicht drauf: Kulturanthopologie? Ich schüttle den Kopf. Was mit Kultur? Ich schüttle wieder den Kopf? Germanistik? Mir wird vom Kopfschütteln schon langsam schwindelig.
Ich erlöse ihn und sage ihm erst, es sei ein Geheimnis, dann die Wahrheit. Technik? Er sieht etwas enttäuscht aus, als habe er sich etwas anderes erwartet, bleibt aber treu an meiner Seite. Dann frage ich ihn, was er so tut, ich will ja nett sein.
Bestattungsunternehmer. Originell denke ich mir. Und sage irgendetwas, das er sicher schon 100 Mal gehört hat. Das war aber offensichtlich gerade sein Einsatzzeichen, denn er beginnt zu sinnieren, dass der Tod das größte Mysterium sei.
Aha, denke ich mir und sage: ich finde ja das Leben spannender. Kurze Pause.
Er kratzt sich am Kopf unter der Mütze und eben noch die Kurve: die eigentlichen Mysterien seien ja Geburt und Tod. Nur dass wir in unserer Gesellschaft keine Ahnung von der Geburt hätten, weil die Medien und Hollywood uns ja ständig mit diesen inszenierten Schreigeburten indoktrinieren.
So, so, denke ich mir, und sage: ich habe keine Ahnung, wie so eine Geburt ist und wie viel man da tatsächlich schreit, ich habe nämlich noch kein Kind auf die Welt gebracht.
Den Einwand findet er offensichtlich berechtigt und gibt zu: er auch nicht. Aber - er lässt nicht locker, wo doch endlich das Gespräch ein bisschen anzulaufen scheint - er habe gerade im Fernsehen etwas über Afrika gesehen, da gebären die Frauen in aufrechter Haltung, an einen Baum gelehnt, nur mit einem Seufzer.
Längere Pause (meinerseits).
Das finde ich nun doch etwas zu steil, entschließe mich zu freundlicher Ehrlichkeit und gebe zu bedenken, dass das Thema ja ehrlich faszinierend sei, mich am Heiligabend um 0:29 nach Familie und Alkohol doch etwas überfordere. Ob er nicht lieber small-talken wolle?
Er blickt mich verstört an, verabschiedet sich eilig und zieht von dannen. Ich bin zwar etwas überrascht und wundere mich über die Wirkung meines natürlichen Charmes, wenn ich versuche, den Menschen, die mir das Leben so zuspielt, offen und freundlich entgegenzutreten. Dann beschleicht mich aber auch die Sorge, dass ich womöglich eine ähnliche Wirkung auf einen anderen Mann haben könnte und werde leicht nervös.
Und dann kommt auch schon A. zur Tür herein, aber das ist eine andere Geschichte.
strangebluefire - 27. Dez, 20:58